Auslandspraktikum in einer Londoner CI-Agentur
Tina berichtet von ihren Erfahrungen.
Nachdem ich in Deutschland eine 2 1/2 jährige Lehre zur Mediengestalterin für Print- und Digitalmedien abgeschlossen habe, hatte ich den Wunsch, für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Da mein Französisch ziemlich grottig ist, habe ich beschlossen, meine Englisch-Kenntnisse etwas aufzubessern und habe mich nach Praktikumsstellen in Großbritannien umgesehen.
Ich habe in Deutschland einen festen Job in einer Werbeagentur, den ich auch unbedingt behalten wollte. Zum Glück habe ich eine sehr aufgeschlossene Chefin, die mich für 4 Monate freigestellt hat, um mir diese Erfahrung zu ermöglichen. So konnte ich nach 4 Monaten unbezahltem Urlaub wieder in meine Agentur zurückkehren. Die Suche nach einer Praktikumsstelle war sehr schwierig und nur durch Glück und Kontakte kam ich an die Adresse einer CI-Agentur in London, die zur Hälfte auch deutsche Mitarbeiter beschäftigt: Henrion, Ludlow und Schmidt. Ich hätte mich auch für Praktika in anderen Städten in England oder Schottland interessiert, aber London war natürlich der Jackpot. Ich habe mich mit einem mehrseitigem Portfolio im pdf-Format beworben, in dem ich einige meiner bisherigen Arbeiten und Projekte vorgestellt habe. Mein Bonus war, dass die meisten Praktikanten über wenig Praxis-Erfahrung verfügen und so hatte ich als ausgelernte Fachkraft gute Chancen. Die Praktikumsstelle für 3 Monate wurde mir zugesagt!
Ich war sehr aus dem Häuschen, vor allem da mein Freund zur gleichen Zeit eine 6-monatige Praktikumsstelle im 200 km entfernten Kingston-upon-Hull ergattert hatte. Er hat sein Studium zum Elektrotechniker letztes Jahr abgeschlossen und wollte vor der Jobsuche ebenfalls ein paar Erfahrungen im Ausland sammeln. Er fand durch seine deutsche FH in Regensburg eine Stelle bei der Firma heta, die zur Weiterbildung von Schülern mit Robotern arbeitet.
Allen, die im Bereich Werbung ein Praktikum suchen, würde ich empfehlen, einfach blind verschiedene Agenturen in ihrer Traumstadt anzuschreiben und m?glichst gleich ein sehr gut ausgearbeitetes Portfolio mitzusenden. Wichtig sind gute Programmkenntnisse, um vielseitig einsetzbar zu sein. Wenn diese während der Ausbildung noch nicht gelernt wurden, würde ich euch empfehlen, sie in einem Kurs oder einfach mit Handbuch und eigenem Engagement zu lernen. übung macht den Meister. Wichtig in Print- und CI-Agenturen sind vor allem Photoshop, Quark-X-Press und Freehand oder Illustrator. Wer sich in keinem Programm gut auskennt, wird oft nur für Idiotenjobs wie Kaffeekochen und kopieren eingesetzt, da selten jemand wirklich viel Zeit für Praktikanten übrig hat.
Nachdem alle Modalitäten geklärt waren, liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Da ich nur 480 Pfund im Monat bezahlt bekam, habe ich versucht eine möglichst billige Wohnung zu finden.Den besten Tipp, den ich Euch dazu geben kann ist www.gumtree.com . Hier habe ich mehrere gute Angebote gefunden und auch glleich viele Kontakte geknüpft. Leider war meine erste Wohnung für 75 Pfund die Woche ein ziemlicher Reinfall, was zeigt, dass man bei selbstständiger Wohnungssuche nicht vor bösen überraschungen gefeit ist. Die Wohnung war schmutzig, viel zu weit abgelegen und mein Mitbewohner eher seltsam.
Im Nachhinein kann ich euch nur raten: schaut euch alle Angebote gut an und versucht per mail so viel wie möglich rauszufinden: wo liegt die Wohnung? Am besten auf einem U-Bahn-Plan nachsehen, da die Transportkosten sowieso horrend sind. Bei Zeitangaben von der Wohnung zum Zentrum sind nicht immer alle ganz ehrlich, also versucht herauszufinden, wie lange ihr wirklich braucht und was Monatstickets für Bus oder Tube für diese Zone kosten. Wichtig ist auch, welche Nebenkosten anfallen, was man selbst mitbringen sollte und vor allen Dingen wie man sich mit dem Mitbewohner versteht. Ein paar Monate auf engstem Raum mit jemandem, den man nicht leiden kann, können ganz schön lang werden.
Zum Glück konnte ich schon innerhalb einer Woche über Gumtree eine neue Wohnung finden. Zwar hat die mit 100 Pfund pro Woche all mein verdientes Geld aufgefressen, aber das war es mir wert. Die Wohnung war wunderschön, groß, mit Fernseher und gut ausgestatteter Küche und mein Mitbewohner war auch klasse. Ein großes Verdienstgeschäft bei einem Praktikum in London kann wohl niemand erwarten, ich habe für knapp 4 Monate ca. 2.000 Euro draufgezahlt. Dafür hatte ich eine Wohnung, in der ich mich wirklich wohl gefühlt habe und habe mir auch hin und wieder etwas kleines geleistet (wirklich nur Kleinigkeiten).
London ist wahnsinnig teuer, darüber sollte sich jeder im Klaren sein, der dort einige Zeit leben möchte! Und als Praktikant verdient man mit Sicherheit nicht so viel, dass man große Sprünge machen könnte. Allerdings finde ich es bei einem kurzem Zeitraum wichtiger, dass man sich wohlfühlt und von seiner Zeit auch etwas hat.
Wichtig ist auch, sich in Sachen Versicherung zu informieren. Man kann zum Beispiel beim ADAC einen Auslandsschutz für 3 oder 6 Monate abschließen. Vom Arbeitgeber ist man meist nur für Arbeitsunfälle versichert.
Wer mehr Gepäck mitnehmen möchte, als man im Flugzeug mitführen darf (meist 20 kg + 5 kg Handgepäck), sollte sich nach Alternativen umsehen. Bei AirBerlin z.B. kostet das Kilo übergepäck 3 Euro, bei easyJet dagegen 4 Pfund, also das doppelte. Man kann auch einzelne Pakete per Post nachsenden oder einer Spedition anvertrauen, was dann allerdings oft länger dauert. Ich hatte Glück und kam bei meinem Hinflug mit AirBerlin mit 30 kg umsonst durch, beim Rückflug mit easyJet dagegen habe ich für das gleiche Gewicht 40 Pfund draufgezahlt.
Nach Sylvester ging es dann los, zusammen mit meinem Freund bin ich nach London geflogen, habe mit Schrecken die erste Wohnung bezogen und bin eine Woche später gleich wieder ausgezogen. Zum Glück musste ich kein deposit hinterlegen und habe nur die Miete für diese eine Woche bezahlen. In der neuen Wohnung angekommen habe ich mich erst einmal mit der Umgebung Brixton (Zone 2) vertraut gemacht und mich nach Transportmöglichkeiten umgesehen. Da mir die tube mit 88 Pfund (!) im Monat eindeutig zu teuer war, habe ich mich für den Bus mit 8,50 Pfund in der Woche entschieden. Bei Monatstickets daran denken, dass man Passfotos benötigt! In einer halben Stunde reine Busfahrt war ich bei meinem Arbeitsplatz, allerdings musste ich wegen Wartezeiten, Weg zur Bushaltestelle und vielen Staus oft eine knappe Stunde kalkulieren. In London immer pünktlich zu kommen ist sehr schwierig!
Während meiner Arbeit bei HLS habe ich dann festgestellt, dass auch Agenturen in London nur mit Wasser kochen. Zwar konnte ich sviel dazulernen und habe auch viele gute Designer kennengelernt, aber im Endeffekt ist es nicht so anders als Deutschland. Wichtig ist, ein gutes (nicht übertriebenes) Selbstbewusstsein an den Tag zu legen, damit man auch ernst genommen wird. Man sollte engagiert und flexibel sein, sich aber auch als Praktikant nicht alles bieten lassen. überstunden stehen in Werbeagenturen meist an der Tagesordnung, ich allerdings habe es immer geschafft, pünktlich zu gehen. Das Leben in London war einfach viel zu spannend, um zuviel davon in der Arbeit zu verbringen! Ich habe an vielen interessanten Projekten mitgearbeitet und hatte zum Glück auch sehr, sehr nette Kollegen.
Insgesamt kann ich sagen, dass ich in den knapp 4 Monaten sehr viele wichtige Erfahrungen gemacht habe. Ich habe Abläufe in einer großen, deutsch-englischen Agentur kennengelernt, mein Englisch sehr stark verbessert (der Vorteil eines englischen Mitbewohners!), viel von dem spannenden London gesehen und sehr viele interessante Leute kennengelernt und Kontakte geknüpft. Ich würde es jederzeit wieder machen, auch wenn mich die Zeit in England viel Geld und Energie gekostet hat. Dafür habe ich eine Menge guter Erfahrungen gemacht und mich auch selbst weiterentwickelt. Und ich weiß jetzt, dass es mir zu Hause eigentlich doch am besten gefällt. Denn so schön und interessant und aufregend und pulsierend London auch ist, es ist auch manchmal sehr anstrengend und nervenaufreibend. Aber mit Sicherheit eine Erfahrung wert! Ich möchte vor allen Dingen denjenigen Mut machen, die es während Ausbildung oder Studium verpasst haben, ins Ausland zu gehen. Ich weiß, für Schüler oder Studenten ist es oft einfacher etwas zu finden, aber wer sich selbst auf die Suche begibt, sammelt oft auch intensivere und individuellere Erfahrungen. Also nicht entmutigen lassen, auch nach der Ausbildung bieten sich noch viele Möglichkeiten, seinen Lebenslauf mit ein paar Monaten Ausland aufzumöbeln!
Viel Glück an alle, die es versuchen!
Hochschulen in England